Zu Beginn der 90er stieß Carola Hausen in der Berliner Zeitung auf ein Weiterbildungsangebot zum Bilanzbuchhalter in Ost-Berlin; der Kurs wurde vom ehemaligen Steuerberater und damaligem BVBC-Beiratsmitglied Christoph Gottwald initiiert. Aus der Weiterbildung entstand nicht nur ein neuer beruflicher Weg, sondern auch eine langjährige Verbindung zum Verband – Ein Bericht von BVBC-Mitglied Carola Hausen und eine weitere persönliche Geschichte aus 50 Jahren BVBC.
Anfang 1991 las ich in der Berliner Zeitung, dass in Ost-Berlin eine Weiterbildung zum Bilanzbuchhalter angeboten wurde. Die Initiative kam von dem BVBC-Beiratsmitglied, Steuerberater Christoph Gottwald aus Wuppertal. Er hatte sofort erkannt, dass diese Weiterbildung für Fachkräfte im Rechnungswesen in den neuen Bundesländern wichtig und nötig war, um in dem Beruf weiter bestehen zu können.
Ich hatte Ökonomie studiert und bereits zehn Jahre im Rechnungswesen gearbeitet, also musste das doch genau das Richtige für mich sein. Ich meldete mich an und begann im April 1991 mit der Bilanzbuchhalter-Ausbildung. Herr Gottwald führte uns mit viel Fachwissen und Empathie durch die schwierigen Themen. Ich lernte Begriffe, die ich bis dahin nicht kannte: Privatentnahmen, Körperschaftsteuer, Umsatzsteuer.
Die Prüfung unter besonderen Bedingungen
Die Prüfung sollte eigentlich vor der Industrie- und Handelskammer stattfinden, diese ließ uns „neue Bundesbürger“ aber nicht zur Prüfung zu. Man musste mindestens drei Jahre Tätigkeit im Rechnungswesen im Westen nachweisen können. Also organisierte Herr Gottwald unter der Leitung des WIB des damaligen BVBB eine Prüfungskommission, die uns die Prüfung im Dezember 1991 abnahm.
Er bereitete uns hervorragend auf die Prüfung vor, machte uns viel Mut und strahlte auch in der mündlichen Prüfung, bei der ich sehr aufgeregt war, viel Ruhe und Zuversicht aus. Ich schaffte die Prüfung im ersten Anlauf und ich kann mit Gewissheit sagen, dass sie genauso schwer war, wie eine IHK-Prüfung. Es war eine unglaubliche Kraftanstrengung, da ja auch wirklich vieles ganz neu für uns war. Wir dürfen uns zwar nicht „geprüfter Bilanzbuchhalter“ nennen – als wenn das keine Prüfung gewesen wäre – aber damit kann ich bis heute gut leben.
Unsicherheit in einer Umbruchzeit
Zunächst wusste ich nicht, wer die Weiterbildung bezahlen würde. Das Arbeitsamt? Mein damaliger Noch-Arbeitgeber? Oder ich selbst, ohne Aussicht auf Weiterbeschäftigung? Ich fing einfach im April 1991 an.
Meine Firma wurde dann zum 30. Juni 1991 von der Treuhandanstalt abgewickelt. Wir mussten uns arbeitslos melden. Dass das Arbeitsamt die Kosten doch übernehmen würde, erfuhr ich erst, als ich fast fertig war. Herr Gottwald hingegen hatte so viel Geduld, so lange auf das Geld zu warten.
Der Weg in den Verband
Während der Ausbildung erklärte uns Herr Gottwald, dass es einen Berufsverband für Bilanzbuchhalter gab (damals noch BVBB) und dass die Mitgliedschaft uns einige Vorteile bringen könnte – etwa hinsichtlich Weiterbildung, Jobsuche und Erfahrungsaustausch mit anderen Mitgliedern. Da habe ich mich schnell überzeugen lassen, bin zum 1. Januar 1992 dem BVBB beigetreten und habe mich auch gleich für einige Weiterbildungsseminare angemeldet.
Ein neuer Job war dennoch erst einmal nicht in Sicht – wo sollte der auch herkommen, während um mich herum nur Betriebe abgewickelt wurden? Also entschied ich mich für den Sprung in die Selbstständigkeit. Auch das hatten wir ehemaligen DDR-Bürger nicht gelernt. Ehrlich gesagt, es war mehr als mühsam und es gab natürlich auch Misserfolge.
Ehrenamt und Netzwerk im BVBC
Aber ich gab nicht auf, war weiter unermüdlich auf Jobsuche und ich sah auch die Chance, mich im BVBC zu vernetzen. Das war damals noch nicht so einfach, es gab ja noch kein Internet. Ich meldete mich auf einen Aufruf des damaligen Vorsitzenden im Landesverband Berlin/Brandenburg, Herrn Gabbert, der neue Vorstandsmitglieder suchte. So bin ich seit 1998 dabei, zunächst als Beisitzerin, danach viele Jahre als Vorstandsmitglied im Landesverband Berlin/Brandenburg, dann als Liquidatorin und zuletzt als Regionalleiterin. Im Jahr 2023 habe ich die Regionalleitung an meine Kollegin Suzan Yumerova abgegeben, ich bin aber immer noch ehrenamtlich dabei – nur nicht mehr als Funktionsträgerin (was ja nach so vielen Jahren auch ganz schön ist).
Durch den BVBC habe ich viele Kontakte knüpfen können: zu Kolleginnen und Kollegen, mit denen ich in Erfahrungsaustausch treten konnte, aber auch zu Referentinnen und Referenten. Der Kontakt zu Herrn Hans Bathe besteht seit meiner Ausbildung und ich habe von ihm schon viele Insidertipps zur Umsatzsteuer erhalten. Ebenso ergaben sich Kontakte zu potenziellen Auftraggebern.
Es gab viele Mitgliedertreffen in der Region und überregional, wie zum Beispiel die BVBC-Konferenz, bei denen man immer wieder neue Leute kennenlernte. Ich war bei fast jeder Kongressmesse (ReWeCo) dabei. Auch das ist ein hervorragender Ort, um sich zu vernetzen. Dabei habe ich auch den Kontakt zum Haufe-Verlag geknüpft, für den ich nun seit 2003 als Autorin tätig bin.
Beruflicher Weg und Weitergabe von Wissen
Beruflich habe ich es nach einigen Startschwierigkeiten geschafft. Ich arbeitete viele Jahre in der Steuerberatung und Wirtschaftsprüfung und gab außerdem über viele Jahre als Dozentin mein Wissen an Teilnehmende weiter, die zum Teil in der gleichen Lage waren, in der ich damals war. Viele stammen aus dem Ausland und haben dort studiert – sie arbeiteten mit dem gleichen Ehrgeiz und der gleichen Zielstrebigkeit an ihrem neuen Berufsabschluss, wie ich es damals tat.
Und jetzt könnte ich mich eigentlich zur Ruhe setzen und mein Rentnerdasein genießen – aber das gelingt mir nicht. Ich gebe mein in vielen Jahren erworbenes Fachwissen immer noch gerne in verschiedenen Seminaren weiter und pflege meine in vielen Jahren aufgebauten Kontakte. Darum unterstütze ich meine Kolleginnen und Kollegen auch weiterhin und bin auch in diesem Jahr wieder auf der ReWeCo-Kongressmesse in Wuppertal mit dabei.
Dank an Christoph Gottwald
An dieser Stelle möchte ich ausdrücklich und voller Dankbarkeit an Herrn Gottwald erinnern, der mir diesen Weg mit ermöglicht hat und der leider 1993 viel zu früh verstorben ist. Er hat uns wirklich die Hand gereicht und uns nicht als „Bürger zweiter Klasse“ behandelt, denn der Neustart für viele ehemalige DDR-Bürger war schwer genug und er hat uns ein ganzes Stück dabei geholfen.
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