Präsident Hans-Joachim Klein über Ausbildung in Deutschland, Forderungen an die Politik und die Perspektiven für Bilanzbuchhalter und Controller
„Wissen gestaltet Zukunft.“ Unter diesem Motto stand der Bundeskongress der Bilanzbuchhalter und Controller des Jahres 2010 in Bielefeld. In seiner Eröffnungsrede spannte BVBC-Präsident Hans-Joachim Klein einen Bogen von der Bildungslandschaft in Deutschland zu den Perspektiven für Bilanzbuchhalter und Controller. „Wissen ist eine Ressource, die jeder für sich unbegrenzt entwickeln kann. Es ist eine faszinierende Quelle für Erfolg,“ sagte Klein.
Der BVBC-Präsident lieferte Zahlen: „Bezogen auf das Jahr 2006 geben wir in Deutschland ganze 4,8 Prozent des Bruttoinlandsprodukts für Bildung aus. Damit liegen wir deutlich unter dem OECD-Durchschnitt von 5,7 Prozent. Im Jahr 2009 hat Deutschland die Ausgaben für Kindergärten, Schulen, Hochschulen und Berufsbildung auf 3,8 Prozent des Bruttoinlandsprodukts reduziert.“
Mit Blick auf diese Fakten zitierte Klein die Ergebnisse der jüngsten IHK-Unternehmensbefragung „Ausbildung 2010“ und nannte sie „alles andere als überraschend“:
- 63 Prozent der Betriebe geben als Grund für die Nichtbesetzung von Ausbildungsplätzen an, dass keine geeigneten Bewerbungen vorlagen.
- 74 Prozent der Betriebe nennen mangelnde Qualifikation der Schulabgänger als Ausbildungshemmnis Nummer 1.
- Die Hälfte der Unternehmen stellt Mängel in Mathematik fest.
- 54 Prozent der Betriebe attestieren Mängel beim mündlichen und schriftlichen Ausdruck, also der Sprachkompetenzen in Deutsch.
Mehr noch: Den Jugendlichen mangele es nicht nur an Wissen. Vielfach fehlten ihnen auch Fähigkeiten wie Disziplin, Teamfähigkeit und Pünktlichkeit. Klein: „Es kann nicht die Aufgabe der Unternehmen sein, durch Nachhilfeunterricht das auszubügeln, was Eltern und Schule in 16 Jahren versäumt haben.“
Weiterbildung zum Bilanzbuchhalter: Platz 1 bei der IHK
Der BVBC-Präsident weiter: „Grundlage für eine spätere Fortbildung zum Bilanzbuchhalter oder Controller sind die kaufmännischen Ausbildungsberufe. Aus dem Bereich der Haupt- und Realschulen beziehungsweise gleichwertiger Schulformen kommen dabei über 50 Prozent der Auszubildenden in den kaufmännischen Berufen. Ein solider schulischer Abschluss ist zwingend notwendig, damit sich nach einer erfolgreich abgeschlossenen Berufsausbildung eine Weiterbildung zur Bilanzbuchhalterin / zum Bilanzbuchhalter oder zur Controllerin / zum Controller anschließen kann.
Insbesondere die Weiterbildung zur Bilanzbuchhalterin / zum Bilanzbuchhalter erfreut sich nach wie vor einer großen Beliebtheit. Mit jährlich mehr als 7.000 Teilnehmern liegt diese Weiterbildung mit deutlichem Vorsprung auf Platz 1 der Top Ten der IHK Weiterbildungsangebote. Wir brauchen guten Nachwuchs für unsere Berufsgruppe. Wir brauchen junge Menschen mit einer großen Portion Wissensdurst. Denn gerade Bilanzbuchhalter sind ständig durch die rasante Änderungsgeschwindigkeit der Steuergesetze gezwungen, ihr Wissen zu aktualisieren.“
Dafür biete der BVBC seinen Mitgliedern schon jahrelang qualitativ hochwertige Seminare zu günstigen Preisen, fuhr Klein fort. Dieses Schulungsangebot werde der BVBC gemeinsam mit seinen Partnern ausbauen, um den Wissenstransfer zwischen Theorie und Praxis zu gewährleisten.
Zugleich berichtete Klein von einem erfreulichen Trend: „Im ersten Halbjahr 2010 plant etwa jedes fünfte Unternehmen mehr Stellen im Finanz- und Rechnungswesen zu schaffen. Das bedeutet einen Anstieg um zehn Prozentpunkte im Vergleich zum Vorjahreszeitraum. Das sind gute Perspektiven für Bilanzbuchhalter und Controller.“
Wie geht es nach der Prüfung weiter ?
Viele Bilanzbuchhalterinnen und Bilanzbuchhalter fragten sich: Wie geht es nach meiner bestandenen Prüfung weiter? Die beruflichen Möglichkeiten seien gerade für diese Berufsgruppe sehr vielfältig. Manche zögen ein Studium in Betracht. „Aber leider besitzt die bestandene Bilanzbuchhalterprüfung nicht den Stellenwert, den sie aufgrund der Ausbildungsinhalte haben müsste. Es ist geradezu krotesk, dass ein Bilanzbuchhalter in einem Studium einen Grundkurs Buchhaltung belegen muss, um den entsprechenden Leistungsnachweis in diesem Fach zu bekommen. Eine Anerkennung in Form von Credit-Points gibt es zurzeit nicht. Hier ist noch einiges an Arbeit zu leisten, damit die Forderung des Verbandes nach Anerkennung der im Rahmen der Ausbildung zum Bilanzbuchhalter erworbenen Fähigkeiten und Kenntnissen für ein weiterführendes Studium Realität werden kann.“
„Gründerland Deutschland?
Für unseren Berufsstand eine Farce.“
Das Bundeswirtschaftsministerium sowie Spitzenverbände von Industrie und Handwerk hätten im Januar 2010 die Initiative „Gründerland Deutschland“ gestartet. Minister Rainer Brüderle (FDP) habe Gründungen zum zentralen Thema seiner Mittelstandspolitik ernannt und dazu ein 9-Punkte-Programm vorgelegt. Klein: „Vor dem Hintergrund der immer noch eingeschränkten Möglichkeiten zur selbstständigen Berufsausübung für Bilanzbuchhalter wird ein solches Programm für unseren Berufsstand zur Farce.“
Der Präsident wiederholte die BVBC-Forderungen an die Politik: „Schaffen Sie die nötigen Voraussetzungen zur freien Berufsausübung der selbstständigen Bilanzbuchhalter. Ein Blick über die Grenze nach Österreich zeigt ihnen, wie es gehen kann. Dann können auch Bilanzbuchhalter von einer Initiative „Gründerland Deutschland“ profitieren und ihren Beitrag zum wirtschaftlichen Aufschwung leisten.
Auch Bilanzbuchhalter haben ein Recht auf unternehmerische Freiheit.“








